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Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich
15.07.2014
Mit Piratensendern Gegenöffentlichkeit schaffen

Mischa Brutschin hat 2010 eine umfassende filmische Dokumentation der Zürcher Häuserbesetzungsszenen von 1979 bis 1994 vorgelegt. Auf der Tonspur von „Allein machen sie dich ein“ spielen die Radiopiraten eine wichtige Rolle. Brutschin hat dem Schweizerischen Sozialarchiv eine Kopie dieser Sendungen vermacht; sie ist nun unter der Bestandesbezeichnung F_1006 online konsultierbar und ergänzt die Sendungssammlung von Dieter Menyhart (siehe „SozialarchivInfo“ 2/2014).
Die Radiopiraten machten ab Mitte der 1970er Jahre die Frequenzen unsicher. Verschiedene, oft auch nur kurzlebige Gruppierungen konnten sich mit wenigen hundert Franken eine Sendeinfrastruktur kaufen. Mischa Brutschins Interesse galt in erster Linie den im politisch linken Spektrum und in der Jugendbewegung aktiven Sendern. Die „Wellenhexen“, „Radio Schwarzi Chatz“ und „Radio Banana“ gehören zu den aktivsten und langlebigsten Vertretern der Szene. Nach 1977 setzte eine merkliche Politisierung der Piratensender ein; Radiomachen galt damals als eine der wenigen Möglichkeiten der Frauen- und der Jugendbewegung, sich Gehör zu verschaffen oder zeitnah auf Ereignisse zu reagieren.
Die „Wellenhexen“ liessen Lesben zu Wort kommen und thematisierten schon früh die Rolle der Frau im Machobusiness Rockmusik. „Radio Schwarzi Chatz“ glänzte mit aufwendig gemachten Sendungen zur Zürcher Wehrschau 1979 oder zum aufkommenden Trend der Selbstverwaltung im Gastgewerbe. „Radio Banana“ begleitete die Zürcher Jugendbewegung, berichtete aus Sicht der Betroffenen über Krawalle und Polizeieinsätze und sorgte mit Beiträgen wie jenem über das berüchtigte Globus-Go-In (eine Art kollektiver Ladendiebstahl) für die spärlich gesäten humoristischen Lichtblicke jener Zeit.
Die politischen Piratensender bereichern die Archivbestände und Dokumentationen des Sozialarchivs zur Jugend- und Frauenbewegung des bewegten Jahrzehnts von 1975 bis 1985. Die schwierig zu dokumentierende Quellengattung erweitert das vorhandene Schriftgut und Videomaterial um wertvolle akustische Eindrücke.

Stefan Länzlinger

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